Alle
Nachhaltig bauen heisst zukunftsfähig bauen
«Wir alle profitieren, wenn Nachhaltigkeit in unser Denken und Handeln integral einfliesst.» Davon sind Rosemarie Weigt und Simone Burkard überzeugt. Unsere Gesellschaft steht vor immer neuen Herausforderungen: Klimarisiken, Wetterextreme, Bevölkerungswachstum, wachsender Raumbedarf sowie steigende Anforderungen durch Netto-Null-Ziele und Nachhaltigkeitsstrategien. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist da – die ganzheitliche Umsetzung hinkt jedoch teilweise hinterher. «Im Infrastrukturbau ist es noch nicht selbstverständlich, Nachhaltigkeit umfassend und von Anfang an mitzudenken.», erklärt Simone. Woran liegt das? Und wie sieht ‹nachhaltiges Planen und Ausführen› überhaupt aus? Diesen Fragen gehen unsere Nachhaltigkeitsexpertinnen in ihrer Arbeit nach. An drei Projekten zeigen sie, wie komplex dieses Vorhaben ist.
Neuland Nachhaltigkeit?
Viele Infrastrukturprojekte haben ein intrinsisch nachhaltiges Ziel: langfristig funktionierende öffentliche Infrastruktur. Doch nicht nur das «Was bauen wir» zählt – entscheidend ist auch das «Wie wird gebaut». Denn nachhaltig bauen bedeutet, die Dimensionen Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft gleichermassen zu berücksichtigen. In komplexen Infrastrukturprojekten mit langen Laufzeiten und vielen Beteiligten eine echte Herausforderung. Wo also anfangen? Eine Orientierung bietet der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS), der Nachhaltigkeit über alle drei Dimensionen und den gesamten Lebenszyklus strukturiert. Die Herausforderung der Anwendung liegt dabei nicht nur im Verständnis der vielfältigen Kriterien, sondern auch in der Umsetzung: Wie werden aus abstrakten Kriterien konkrete Planungsschritte?
Wie das gelingen kann, zeigt das Projekt der Kehrichtverwertungsanlage Thurgau. Geplant ist ein Ersatzbau, der künftig mehr Haushalte mit Energie aus der Abfallverwertung versorgt. Der Verband KVA Thurgau orientiert sich am SNBS-Infrastruktur, für ein möglichst nachhaltiges Projekt. Neben etablierten ökologischen Massnahmen wie Photovoltaik, Begrünungen sowie reduzierte Licht- und Lärmemissionen rücken durch den SNBS auch Lebenszyklusbetrachtungen, faire Vertragsmodelle, Ressourceneffizienz und weitere soziale und wirtschaftliche Aspekte in den Fokus.
«Für ein Projekt dieser Grössenordnung ist das Neuland.» Simone begleitet den Prozess als Nachhaltigkeitsexpertin. Sie stellt die passenden Fragen, entwickelt gemeinsam mit den Planenden Massnahmen und macht Nachhaltigkeit sichtbar. «Es geht nicht darum, ein Projekt auf den Kopf zu stellen.», sagt sie. «Vielmehr darum, vorhandene Potenziale zu erkennen, zu nutzen und sichtbar zu machen – oft ist bereits mehr da, als man denkt.»
Je früher, desto besser
Die Nachhaltigkeitsbetrachtung entfaltet ihr grösstes Potenzial zu Projektbeginn – wenn Ziele definiert werden und der Gestaltungsspielraum noch gross ist. «Dabei ist Nachhaltigkeit keine Methode, sondern eine Haltung», erklärt Rosemarie. «Sie berücksichtigt verschiedenste Perspektiven und begleitet Entscheidungsprozesse von der Planung bis zur Umsetzung.»
Ein Beispiel für frühzeitige Mitwirkung ist die Vision 2040 des Zweckverbands ZASE zum Ausbau der Abwasserreinigungsanlage. Neben technischen Verbesserungen – wie einer zusätzlichen Reinigungsstufe – stand folgende Frage im Raum: Wie lassen sich Gemeinden, Nachbarprojekte, Naturräume und die Bedürfnisse der Mitarbeitenden bestmöglich einbeziehen? Mittels Initial-Workshop, Podcast und KI-gestützter Auswertung wurden Beiträge konsolidiert und mit weiteren Perspektiven ergänzt. «Gemeinsam mit den Stakeholdern entstand eine Vision mit fünf Dimensionen: technisch, vernetzt, ökonomisch, sozial und ökologisch. Diese konkretisierten wir in Form von acht Entscheidungsleitsätzen – dem Kompass für die ‹Anlage für morgen›.», erklärt Rosemarie, die in diesem Prozess von Beginn an mitwirkt.
Mehr als eine Strasse
Früh sensibilisieren und anschaulich kommunizieren, zahlt sich aus. Besonders wenn bei einem Innerortsprojekt die Bedürfnisse der Gemeinde und der Anwohnenden im Fokus stehen. Das zeigt das Projekt Strassensanierung Küsnacht. Für den Ersatz des Strassenoberbaus der Quartiersstrasse Sonnenrain sollte die Förderung von Nachhaltigkeit im Einklang mit den Zielen der Gemeinde untersucht werden. Aus einer reinen Sanierung wurde so die Entwicklung eines attraktiven Strassenraums. Ein Ort, an dem sich Passanten, Anwohnende und Schulkinder sicher und wohl fühlen, der im Sommer angenehm kühl bleibt und ein naturnahes, statt verkehrsdominiertes Bild vermittelt.
In der Vorstudie nutzte Rosemarie den SNBS-Infrastruktur und bewertete drei Varianten anhand von Aspekten wie Aufenthaltsqualität, Sicherheit, Ressourcenoptimierung, Klimaanpassung und Multifunktionalität zusammen mit möglichen Gestaltungselementen wie Parkraum, Grünflächen, Fahrbahn und Gehwegen. Mit Blick auf die Klima- und Nachhaltigkeitsziele der Gemeinde und unterstützt durch Visualisierungen diente die Auswertung als Entscheidungsgrundlage. Die Bestvariante wurde im Bericht zur öffentlichen Auflage vorgestellt. Auf dieser Basis soll nach der öffentlichen Mitwirkung das Projekt fortgeschrieben werden.
Der Weg als Ziel
«Wir wissen heute nicht, welchen Herausforderungen wir uns in fünf oder zehn Jahren stellen müssen», gibt Rosemarie zu bedenken. «Sicher ist jedoch: Wir müssen flexibel bleiben. Nachhaltigkeit bedeutet stets Abwägen, Dialog und Lernen.» – ganz im Sinne von ‹Exploring Together›.
